Pressemitteilung
Pflegeorganisation kompetenzorientiert gestalten (PM 28/26)
Seit 2023 ist gesetzlich vorgeschrieben, wie viel Pflegepersonal welcher Qualifikation in Pflegeheimen eingesetzt werden muss. Ein Forschungsprojekt der Hochschule München zeigt, wie sich diese Vorgabe so umsetzen lässt, dass Pflegefachpersonen und Pflegehilfskräfte entlastet werden – und Bewohnerinnen und Bewohner zugleich besser versorgt sind.
10/08/2026
München, 10. August 2026 – Seit Juli 2023 gilt bundesweit ein neues Personalbemessungsinstrument für die stationäre Langzeitpflege (nach § 113c SGB XI). Dieses basiert auf der so genannten Rothgang-Studie, die den Personalbedarf erstmals qualifikationsdifferenziert und nach Pflegegraden der Bewohnerinnen und Bewohner bemisst mit dem Ziel, Aufgaben gezielter nach Qualifikationsniveau zu verteilen. Wie sich dieser gesetzliche Rahmen so umsetzen lässt, dass sowohl Mitarbeitende als auch Bewohnerinnen und Bewohner davon profitieren, untersuchte ein dreijähriges Forschungsprojekt an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München (HM) gemeinsam mit der Hilfe im Alter gGmbH der Diakonie München und Oberbayern. Geleitet wurde das Forschungsprojekt von HM-Professor Markus Witzmann; die wissenschaftliche Mitarbeiterin Isabel Hölscher koordinierte das Projekt.
Kompetenz- und beziehungsorientierter Ansatz
Kern des neuen Modells ist beziehungsorientierte Pflege, das auf sechs Grundbedürfnisse von pflegebedürftigen Menschen setzt, basierend auf einem Modell des Pflegewissenschaftlers Mike Nolan: Sicherheit, Kontinuität, Zugehörigkeit, Zielgerichtetheit, sinnvolle Erfolge und Wertschätzung. Statt Aufgaben rein funktional zu verteilen, erhält in dem Modell jede Bewohnerin und jeder Bewohner eine feste Pflegefachperson als Pflegekoordinatorin oder Pflegekoordinator. Fachliche Verantwortung für den Pflegeprozess (Pflegekoordination) und organisatorische Verantwortung (Bereichsleitung) werden dabei klar getrennt. Die Aufgabenverteilung im Team richtet sich konsequent nach den Qualifikationsniveaus gemäß Rothgang, einschließlich der gesetzlich vorbehaltenen Aufgaben für examinierte Pflegefachpersonen nach § 4 Pflegeberufegesetz, also die Verantwortung für den Pflegeprozess.
Erprobung in zwei Piloteinrichtungen
Das Model wurde in zwei evangelischen Pflegezentren in vier Phasen getestet: Auf eine IST-Analyse der jeweiligen Einrichtung folgten ein gemeinsamer Kick-off und die gemeinsame Erarbeitung von Aufgaben, Rollen und Dienstabläufen mit Personen aus allen Qualifikationsniveaus. In der anschließenden Umsetzungsphase wurde das Modell in der Praxis erprobt, begleitet von Schulungen, Workshops und einer engmaschigen Präsenz der Leitungsebene. Den Abschluss bildete eine Evaluationsphase mit Reflexionsgesprächen und Feedback von Mitarbeitenden und Bewohnerinnen und Bewohnern. Ergänzt wurde der Prozess durch ein Mentoringprogramm für Quer- und Berufseinsteigerinnen und -einsteiger, sowie ein Qualifizierungsprogramm für Pflegehilfskräfte. Darüber hinaus wurden palliative Versorgungsstrukturen mittels bewohnerorientierten Wertebögen und standardisierten Fallbesprechungen ausgebaut, die persönliche Bedürfnisse und Wünsche von Bewohnerinnen und Bewohner in der Altenpflege erfassen.
Wissenschaftliche Begleitung mit Methoden-Mix
Die HM begleitete die Umsetzung über alle Projektphasen hinweg multimethodal. In der IST-Analyse wurden unter anderem Strukturen, Personal und Bewohnerschaft der beiden Einrichtungen erfasst. Daran schloss sich eine partizipative Konzeptentwicklung an, in die Mitarbeitende aller Qualifikationsniveaus aktiv eingebunden wurden. Die anschließende Evaluation der Implementierung erfasste sowohl die Perspektive der Mitarbeitenden als auch die der Bewohnerinnen und Bewohner und ermöglichte so eine fundierte Einschätzung der Wirkung des neuen Pflegesystems in der Praxis. Projektkoordinatorin Isabel Hölscher betont die Erleichterung durch den neu entwickelten Ansatz der qualifikationszentrierten Personalbemessung: „Die Trennung von fachlicher und organisatorischer Verantwortung hält den Teams den Rücken frei – so können allen Mitarbeitenden effizient in ihren Aufgabengebiet arbeiten, und zum Beispiel Beziehungsarbeit stärken.“
Übertragbares Modell für weitere Einrichtungen
Die Evaluation in den beiden Piloteinrichtungen zeigte, dass das System bei angemessener Begleitung und stabilen Rahmenbedingungen zu Verbesserungen führt: mehr Zeit für direkten Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, klarere Zuständigkeiten und eine systematische Umsetzung gesetzlicher Vorgaben. „Als zentrales Projektergebnis liegt ein umfassendes, praxiserprobtes Implementierungskonzept vor, das detaillierte Stellenbeschreibungen, Qualifizierungskonzepte, Begleitkonzepte sowie strukturierte Umsetzungsempfehlungen enthält und als Arbeitsinstrument für die trägerweite Implementierung zur Verfügung steht“, so Witzmann.
Gerne vermitteln wir einen Interviewtermin mit HM-Professor Markus Witzmann und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin sowie Projektkoordinatorin Isabel Hölscher.
Kontakt: Constance Schölch unter T 089 1265-1920 oder per Mail .
Projektinformationen
Das Projekt „Umsetzung eines kompetenzorientierten Personaleinsatzes in der Pflege im Rahmen des Personalbemessungsinstruments nach § 113c SGB XI auf Basis der Rothgang-Studie zusammen mit der Hilfe im Alter gGmbH der Inneren Mission München“ wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention gefördert und lief von Januar 2023 bis Dezember 2025.
Publikation
Markus Witzmann, Isabel Hölscher, Birgit Kennerknecht, Dirk Spohd. Implementierungskonzept zur Umsetzung des §113c SGB XI zur Personalbemessung in stationären Pflegeeinrichtungen der Hilfe im Alter gGmbH – Kurzfassung zur Veröffentlichung. Hochschule für angewandte Wissenschaften München, 2026