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KI ist kein Technologiethema – sie ist ein Beziehungsthema
Prof. Dr. Gudrun Socher über das neue weiterbildende Hochschulzertifikat „KI-Kompetenzen für die Praxis“, Mythen rund um KI – und warum gute Transformation immer mit Menschen beginnt.
19/01/2026
Wie verändert Künstliche Intelligenz unsere Arbeit – und was müssen Berufstätige wissen, um sie verantwortungsvoll einzusetzen?
Darüber spricht Prof. Dr. Gudrun Socher, Studiendekanin des Munich Center for Digital Sciences and AI (MUC.DAI), mit Petra Spier, Wissenschaftsreferentin am Weiterbildungszentrum der HM (WBZ).
WBZ: Viele meiner Kolleginnen und Kollegen am WBZ arbeiten noch gar nicht mit LLMs oder KI. Ich erlebe eine große Spannbreite: Manche sind schon sehr sicher, andere völlig neu im Thema. Wie sehen Sie das bei Studierenden?
Gudrun Socher: Ganz ähnlich. Es gibt Menschen, die sich intensiv mit KI beschäftigen und wissen, wie sie diese reflektiert einsetzen. Aber viele stehen noch ganz am Anfang. Der unreflektierte Einsatz von LLMs führt zu der sog. metacognitive laziness – also dazu KI zu nutzen, ohne über das eigene Vorgehen und die zu bearbeitende Aufgabe nachzudenken. Das reine Kopieren von generiertem Text, ohne zu prüfen, ob das wirklich zu ihrem Ziel passt, bringt niemanden weiter. Das ist eine Herausforderung, die wir im Hochschulkontext ernst nehmen müssen.
WBZ: Wenn ich selbst schon eine klare Argumentationslinie habe, kann KI mir helfen, sie sprachlich oder methodisch zu verfeinern. Aber sie ersetzt kein Denken.
Gudrun Socher: Genau. KI ist ein Werkzeug – ein gutes, wenn man weiß, was man tut. Sie kann Checklisten liefern oder den Überblick erleichtern, aber keine Strategie ersetzen. Was ich spannend finde: Man kann sie hervorragend als Co-Creation-Partner nutzen – etwa um Intuitionen zu prüfen, Hypothesen zu hinterfragen, Belege zu finden. Aber das funktioniert nur, wenn man selbst kritisch bleibt.
WBZ: Das neue weiterbildende Zertifikat „KI-Kompetenzen für die Praxis“ soll Menschen genau dabei unterstützen. Was war die Grundidee?
Gudrun Socher: Wir wollen, dass Menschen selbstbewusst mit KI gestalten und sich kompetent fühlen. Dazu bieten wir eine praxisnahe Begleitung an. Deutschland ist stark in der Anwendung von KI, und das Zertifikat richtet sich an Berufstätige, die aus der Praxis kommen und die KI verstehen, einordnen und in ihrem Anwendungsbereich sinnvoll einsetzen möchten. Im ersten Semester geht es um Grundlagen von KI und um Prompt Engineering, im zweiten Semester um den gesellschaftlichen Diskurs rund um KI und um Projektarbeit: Die Teilnehmenden entwickeln eigene KI-Prototypen – etwa Chatbots, Protokoll- oder Dokumentationstools. Wichtig ist uns die begleitete Lernstruktur. Wir sehen uns als Lernbegleiter, nicht nur als Wissensvermittler. Ich vergleiche das gern mit Sport: Man kann allein trainieren, aber mit Anleitung und Austausch kommt man weiter. Unser Zertifikat ist so etwas wie ein Fitnessstudio für KI-Kompetenzen.
WBZ: Viele Menschen haben das Gefühl, sie dürften KI gar nicht einsetzen – aus ethischen oder rechtlichen Gründen. Begegnen Sie dieser Sorge auch?
Gudrun Socher: Sehr oft. Viele glauben, KI sei etwas, das „andere“ machen – Entwickler oder große Firmen. Aber gerade wer sich selbst damit auseinandersetzt, entwickelt Verantwortung und Urteilskraft. Unser Ziel ist Einordnungskompetenz, also zu verstehen, was KI kann, was sie nicht kann, und welche Fragen sie aufwirft. Nur wer sie versteht, kann sie kritisch einsetzen.
WBZ: Wie ist das Zertifikat aufgebaut?
Gudrun Socher: Es umfasst zwölf ECTS über zwei Semester, berufsbegleitend. Die Teilnehmenden investieren rund zehn Stunden pro Woche, treffen sich einmal wöchentlich online und arbeiten ansonsten selbstorganisiert. Im zweiten Semester widmen wir uns den gesellschaftlichen und ethischen Fragen: Wie verändert KI unsere Kommunikation, unsere Entscheidungsprozesse, unser Zusammenleben? Da wird deutlich: KI ist kein Technologiethema – sie ist ein Beziehungsthema. Es geht um Vertrauen, Verantwortung und Kommunikation – um die Schnittstellen zwischen Menschen und Maschinen.
WBZ: Das klingt nach einem sehr interdisziplinären Ansatz.
Gudrun Socher: Absolut. Wir haben Teilnehmende aus Ingenieurwesen, Sozialer Arbeit, Design, Verwaltung, Gesundheitswesen – und genau das ist die Stärke. KI betrifft alle Bereiche. Lernen funktioniert hier als Austausch: Wer Technik versteht, lernt von denen, die Kommunikation verstehen – und umgekehrt.
WBZ: Wem würden Sie das Zertifikat empfehlen?
Gudrun Socher: Allen, die neugierig sind. Wer offen ist für Veränderung, profitiert enorm. Man braucht keine Vorkenntnisse, aber die Bereitschaft, sich einzulassen. Wer sagt „Das haben wir schon immer so gemacht“, wird es auf Dauer schwer haben. KI ist ein Werkzeug – und wir entscheiden, was wir damit tun. Genau das möchte dieses Zertifikat vermitteln.
Fazit: Das WBZ-Zertifikat „KI-Kompetenzen für die Praxis“ vermittelt keine Schlagworte, sondern Haltung. Es richtet sich an Berufstätige, die KI verstehen, einordnen und gestalten wollen. Oder, wie Prof. Socher es formuliert: „Wir brauchen Menschen, die bereit sind, als Sparringpartner aus Anwendungsbereichen in Transformationsprozessen mitzuwirken. Dieses Zertifikat ist genau dafür gemacht.“