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„Wir haben unseren Studienverlauf um 90 Grad gedreht“
Im Interview mit dem Weiterbildungszentrum (WBZ) erklärt Prof. Dr. Steffen Steinicke, warum der berufsbegleitenden Bachelor BWL & Unternehmensführung grundlegend umstrukturiert wurde.
09/02/2026
WBZ: Herr Prof. Dr. Steinicke, Sie haben die Struktur des berufsbegleitenden Bachelor-Studiengangs grundlegend verändert. Was war der Auslöser?
Prof. Dr. Steinicke: Auslöser waren im Grunde die Erkenntnisse aus der völlig neuen Evaluationsmethode, die ich im Rahmen meiner Innovationsprofessur für Lehre entwickelt und an der HM Business School angewandt habe. Das Neue daran: Ich messe die Güte der Kooperation zwischen Dozierenden und Studierenden; denn eine bessere Kooperation führt geradewegs zu einem besseren Lehr-Lern-Prozess. Im Rahmen dieser Evaluation im berufsbegleitenden Bachelor BWL & Unternehmensführung ergab sich der drängende Bedarf, Theorie und Praxis noch mehr zu verzahnen. Die Idee lag plötzlich auf der Hand: Statt mehrere Semester lang nur Grundlagen zu vermitteln und erst später in die Anwendung zu gehen, ordnen wir jedes Semester vollständig nach Themen. Grundlagen und Vertiefung laufen parallel; die Studierenden wenden das gelernte Grundlagenwissen sofort im selben Semester vertiefend sowie praxis- und projektbasiert an. Diese „90-Grad-Drehung“ hat den Studienalltag verändert: Inhalte bekommen unmittelbar Bedeutung, und das erhöht die Motivation und vor allem die Wissensverankerung enorm.
WBZ: Wie zeigt sich das konkret?
Prof. Dr. Steinicke: Ein gutes Beispiel ist das aktuelle Projekt im ersten Semester: Nach der Vermittlung der theoretischen Grundlagen, vertiefen wir das Thema „Prozessmanagement“ durch die Erstellung einer vollständigen Prozesslandkarte unserer Fakultät. Die Studierenden analysieren echte Abläufe, führen Interviews, modellieren Prozesse und prüfen, wie weit KI tatsächlich unterstützen kann. Viele merken dabei, wie anspruchsvoll es ist, valide Prozesse abzubilden – und dass KI zwar hilfreich sein kann, aber nicht ersetzt, persönliche Gespräche zu führen und Abläufe wirklich zu verstehen. Genau diese Erfahrung ist für uns und für die Studierenden zentral.
WBZ: Welche Rolle spielt KI in diesem Konzept?
Prof. Dr. Steinicke: Wir wollen, dass unsere Studierenden moderne Werkzeuge nutzen, aber zugleich erkennen, wo deren Grenzen liegen. Gerade jüngere Studierende arbeiten sehr selbstverständlich mit KI, oft mit viel Vertrauen. Das Projekt zeigt ihnen, dass Ergebnisse aus KI-Systemen immer überprüft werden müssen. Sie lernen methodisch sauber zu arbeiten – und entdecken erst dadurch, wie man KI wirklich sinnvoll einsetzt.
WBZ: Sie betonen häufig den persönlichen Austausch und die Kooperation zwischen Studierenden und Dozierenden. Warum ist dies aus Ihrer Sicht so wichtig?
Prof. Dr. Steinicke: Berufsbegleitende Studierende balancieren mehrere Lebensbereiche gleichzeitig – Beruf, Studium und Familie. Viele sind stark belastet. Und da kommt mein wichtigstes Bild ins Spiel: „Berufsbegleitend Studierende wandern immer auf einem Grat. Jederzeit kann etwas ins Rutschen kommen – beruflich, privat oder organisatorisch.“
Gerade deshalb brauchen sie eine Studienstruktur, in der sie mit Menschen sprechen können, die präsent sind, ansprechbar bleiben und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Die Interviews im Projekt schaffen genau das: Nähe, Vertrauen und unmittelbare Kommunikation. Das stabilisiert den Studienerfolg enorm. Aber der entscheidende Erfolgsfaktor ist die fast schon familiäre Beziehung zu unseren Studiengangskoordinatorinnen Eva von Hacht-Bayer und Manja Nöldner. Sie kennen jede und jeden Studierenden und die Studierenden kennen sie und vertrauen ihnen. Keiner ist bei uns nur eine Nummer. Wir achten aufeinander.
WBZ: Welche besonderen Lernformate nutzen Sie darüber hinaus?
Prof. Dr. Steinicke: Wir arbeiten zum Beispiel in einem Leadership-Modul des berufsbegleitenden MBA-Studiengangs mit Outdoor-Elementen: Klettern, Abseilen, Zusammenarbeit am Seil. Dabei erleben die Studierenden Führung, Verantwortung und gegenseitige Unterstützung unmittelbar. Sie sehen auch die Verbindung zu Nachhaltigkeit – ökologisch, sozial und wirtschaftlich. Das schafft Lernerfahrungen, die man im Seminarraum kaum erzeugen kann.
Ein zweites Format ist unsere halbjährliche „Students‘ Conference“: Die Studierenden gestalten wissenschaftliche Poster zu ihren Abschlussarbeiten und präsentieren sie vor den anderen Jahrgängen. Dabei wird der gesamte Lernweg für alle sichtbar – vom unsicheren Erstsemester bis zur selbstbewussten Absolventin oder zum Absolventen, der komplexe Themen souverän erklärt.
WBZ: Was bedeutet dieses Modell für die Weiterbildungslandschaft an der Hochschule München?
Prof. Dr. Steinicke: Es zeigt, dass berufsbegleitendes Lernen mehr ist als die Verdichtung von Inhalten. Es lebt von der Verbindung aus Theorie, Anwendung, Erfahrung und Beziehung. Unsere Studierenden gestalten aktiv mit, werden ernst genommen und erleben, dass Lernen sich direkt auf ihren Berufsalltag auswirkt. Dieses Zusammenspiel verändert die Lernkultur – und es ist ein starkes Signal dafür, was moderne Weiterbildung an einer Hochschule leisten kann.
Und durch die Parallelität von Beruf und Studium ist der Studierende immer im Unternehmen präsent. Lange Übergabe- oder Einarbeitungsprozesse fallen damit weg. Davon profitieren sowohl Studierende als auch die Arbeitgebende/Unternehmen.