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„Das haben wir schon immer so gemacht“ – warum diese Antwort nicht genügt
Praxisnah, international, teamorientiert: Prof. Dr. Helga Zollner spricht über die Lehre im Master Paper Technology – und warum kritisches Denken entscheidend für die Zukunft ist.
05/11/2026
Prof. Dr. Helga Zollner ist Studiengangsleiterin des weiterbildenden Master Paper Technology an der Hochschule München. Der englischsprachige Studiengang richtet sich an Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler, die in die internationale Papier- und Verpackungsindustrie einsteigen oder dort Führungsaufgaben übernehmen wollen. Im Interview erklärt Zollner, wie sich die Lehre mit Berufstätigen von der mit grundständig Studierenden unterscheidet, wie sie Praxisnähe herstellt und welche Kompetenzen künftig entscheidend sind.
Frau Zollner, Sie lehren berufstätig Studierende. Wie unterscheidet sich die Lehre mit dieser Personengruppe von der mit grundständig Studierenden?
Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer bringen bereits konkrete Erfahrungen aus ihrem Berufsalltag mit und können neue Inhalte deshalb sehr schnell in einen praktischen Zusammenhang einordnen. Die Fragen sind häufig direkter und anwendungsbezogener: Wie lässt sich ein bestimmter Ansatz im Betrieb umsetzen? Warum wird ein Prozess genau so geführt? Welche Auswirkungen hätte eine Veränderung auf Qualität, Kosten oder Produktion? Dadurch entstehen sehr praxisnahe Diskussionen.
Für mich als Lehrende ist das besonders spannend, weil sich theoretische Grundlagen und berufliche Erfahrung unmittelbar miteinander verbinden. Gleichzeitig bringen die Teilnehmenden sehr unterschiedliche Perspektiven aus ihren Unternehmen und Tätigkeitsfeldern mit – davon profitiert die gesamte Gruppe.
Wie gestalten Sie Ihre Lehrveranstaltungen, damit sie praxisnah und anschlussfähig sind?
Mir ist wichtig, dass theoretisches Wissen möglichst früh mit konkreten Anwendungen verknüpft wird. Deshalb spielen Praktika in unseren Laboren und an den Versuchsanlagen eine große Rolle: Dort können die Studierenden selbst ausprobieren, messen, berechnen und direkt erleben, wie sich theoretische Zusammenhänge im Prozess auswirken. Ein weiterer wichtiger Baustein sind Exkursionen zu Papierfabriken und Unternehmen der Branche sowie der Besuch von Fachmessen wie der Zellcheming Expo und Symposien wie dem IMPS oder dem Faserstoff Symposium. Dort erleben die Studierenden, welche Themen die Industrie aktuell beschäftigen und welche Anforderungen künftig an Fachkräfte gestellt werden.
In den Lehrveranstaltungen selbst arbeite ich außerdem gerne mit Case Studies: Die Studierenden sollen nicht nur Formeln anwenden, sondern überlegen, was die Ergebnisse für einen realen Prozess oder ein Produkt bedeuten. Genau diese Verbindung von Theorie, Anwendung und Reflexion macht Lehre für mich praxisnah und anschlussfähig.
Welche Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht besonders gefragt – heute und in Zukunft?
Neben dem fachlichen Wissen halte ich vor allem die Fähigkeit zur Reflexion für entscheidend. Studierende sollten lernen, das Gelernte einzuordnen, Zusammenhänge zu erkennen und bestehende Prozesse kritisch zu hinterfragen. Mit einer Antwort wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ sollte man sich nicht zufriedengeben, sondern fragen: Warum machen wir es so? Gibt es bessere, effizientere oder nachhaltigere Lösungen?
Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, im Team zu arbeiten. Gerade in technischen Berufen entstehen Lösungen heute kaum noch isoliert, sondern im Austausch zwischen unterschiedlichen Fachrichtungen, Abteilungen und Unternehmen – zunehmend international. Die Papier- und Verpackungsindustrie ist eine globale Industrie mit internationalen Unternehmen, Lieferketten, Kunden und Forschungspartnern. Gute Sprachkenntnisse, insbesondere Englisch, sind deshalb ebenso wichtig wie interkulturelle Kompetenz. Für die Zukunft wird es immer wichtiger, fachliche Kompetenz mit kritischem Denken, Offenheit für Veränderungen und guter Kommunikation zu verbinden.