Drei Fragen an "Menschen mit Agenda"
„Gestaltungsprozesse sind nicht nur die Anwendung von Fähigkeiten, sondern eine eigenständige Form der Wissensgenerierung“
Prof. Stephan Rether
Prof. Stephan Rether
Welche Innovation in der Lehre entwickeln Sie und was motiviert sie dazu?
Stephan Rether: Im Rahmen meiner Innovationsprojekte entstehen unterschiedliche Lehrformate, die mit Zeitbasierten Medien arbeiten. Einige dieser Formate sind in dem Projekt „Time Based Learning“ zusammengefasst. Hier produzieren Studierende eigenständig Lehr- und Lernfilme zu Inhalten ihres jeweiligen Studienfachs. So haben beispielsweise Studierende in einem Seminar zu kritischem Denken kurze Videos zu unterschiedlichen Argumenttypen entwickelt, die anschließend anderen Studierenden als Lernmaterial dienen können.
Dieser Ansatz geht von einem scheinbaren Widerspruch aus: Während Zeitbasierte Medien in ihrer üblichen Rezeptionslogik häufig auf Unterhaltung und Zerstreuung ausgerichtet sind, setzt akademisches Lernen eine kontemplative Auseinandersetzung mit einem Thema voraus. Meine Projekte basieren auf der Annahme, dass sich diese gegensätzlichen Logiken nicht nur miteinander vereinbaren lassen, sondern dass gerade in ihrer Verschränkung didaktisches Potenzial liegt.
Die Kernidee besteht darin, Studierende nicht primär als Rezipientinnen/Rezipienten Zeitbasierter Medien zu begreifen, sondern sie zu deren Produktion zu befähigen. Dadurch verschiebt sich ihre Rolle vom Konsum medialer Inhalte hin zur aktiven Gestaltung von Wissen.
Dieser Gedanke nährt sich aus einem zentralen Aspekt der Designforschung: Gestaltungsprozesse sind nicht nur die Anwendung von Fähigkeiten, sondern eine eigenständige Form der Wissensgenerierung, wodurch ihnen ein epistemisches Moment innewohnt. Wissen wird hier nicht auf Reproduktion oder Anwendung beschränkt, sondern entsteht im Prozess der Gestaltung und wird darin auch reflektiert.
Die Produktion eines Lehr- und Lernfilms setzt dabei ein tiefes Verständnis des jeweiligen Themas voraus. Denn nur wer ein Thema in seiner Komplexität wirklich durchdrungen hat, ist in der Lage, es medial aufzubereiten und für andere verständlich darzustellen. Auf diese Weise werden Medienkompetenz und fachliches Verständnis nicht getrennt betrachtet, sondern bedingen und verstärken einander.
Was an Ihrer Innovation unterstützt Studierende dabei, zu verantwortungsbewussten Gestalterinnen und Gestaltern der Zukunft zu werden?
Stephan Rether: Die Welt unserer Zeit ist eine Medienlandschaft, durch die es zu navigieren gilt. So wie wir für die Überquerung von Gewässern oder Gebirgen entsprechendes Equipment benötigen, ist auch in medialen Umgebungen eine spezifische Ausrüstung eine integrale Voraussetzung, um Hindernisse zu überwinden und Ziele zu erreichen.
Meine Innovationsprojekte befähigen Studierende dazu, sich diese Ausrüstung anzueignen und einzusetzen. Durch die Arbeit mit Zeitbasierten Medien erfahren sie ihre in der heutigen Medienlogik immanente Doppelrolle der Rezipient:innen und Produzentinnen/Produzenten. Aus dieser Erfahrung der Doppelrolle entsteht ein Bewusstsein dafür, dass mediale Inhalte nicht neutral sind, sondern gestaltet, gerahmt und interpretiert werden. In einer nahezu vollständig mediatisierten Welt wird dieses Verständnis zunehmend zur Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.
Hier liegt ein zentraler Aspekt verantwortungsvoller Gestaltung. Wer selbst Medieninhalte produziert, entwickelt ein geschärftes Verständnis für Fragen der Auswahl, der Perspektive, der Erzählung und damit auch für Fragen der Deutungshoheit und der ethischen Verantwortung medialer Darstellung.
Insbesondere vor dem Hintergrund einer zunehmend mit Hilfe von KI-Systemen gestalteten Medienrealität gewinnen diese Fähigkeiten stetig an Relevanz. Mediatisierte Informationen einzuordnen und zu bewerten sowie selbst Medieninhalte in hoher Qualität zu produzieren, ist eine Schlüsselkompetenz in nahezu allen gegenwärtigen und zukünftigen Berufsbildern. Auf diese vielfältigen und komplexen Anforderungen werden die Studierenden vorbereitet.
Wie können andere Lehrende von Ihrer Innovation profitieren?
Stephan Rether: Im Rahmen des Projekts „Time Based Learning“ habe ich verschiedene Workshopformate entwickelt, die sich in bestehende Lehrangebote integrieren lassen oder diese gezielt erweitern. Lehrende haben beispielsweise die Möglichkeit, einen Workshop zur Produktion von Lehr- und Lernfilmen in Kooperation mit mir in ihr eigenes Lehrangebot einzubinden. Dieses Format ist grundsätzlich offen für alle Studiengänge und Fachrichtungen.
Ein weiteres Workshopformat richtet sich direkt an Lehrende. Nach dem Prinzip „Teach the Teacher“ vermittle ich hier, wie sich Zeitbasierte Medien didaktisch sinnvoll in den eigenen Unterricht integrieren lassen und wie gemeinsam mit Studierenden eigenständig Medieninhalte produziert werden können.
In zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen hat sich der Einsatz Zeitbasierter Medien bereits als Erweiterung klassischer Forschungspraktiken etabliert. Ein prominentes Beispiel ist die Visuelle Anthropologie, in der Film- und Videoaufnahmen gezielt zur Untersuchung unterschiedlicher Phänomene eingesetzt werden. Auch Dissertationen und andere wissenschaftliche Arbeiten werden bereits auf diese Weise umgesetzt. An diese Entwicklung knüpfe ich an und übertrage sie in die Lehre.
Darüber hinaus eröffnen sich dadurch neue Prüfungsformate. Die Produktion von Lehr- und Lernfilmen kann eine Alternative zu klassischen Wissensabfragen,
Hausarbeiten oder Papers darstellen und rückt Prüfungsleistungen näher an die Lebens- und Medienrealität der Studierenden.
Gleichzeitig entstehen im Rahmen der Workshops oder Prüfungsleistungen Medieninhalte, die zur Außendarstellung der Fakultäten und der Hochschule München genutzt werden können, um zukünftige Studierende zu erreichen und auf die Besonderheiten einzelner Studiengänge aufmerksam zu machen. So entsteht ein Mehrwert für Studierende, Lehrende und die Hochschule gleichermaßen.
Ihre Agenda für Lehre an der HM in drei Worten:
Gestaltung, Verantwortung, Handlungsmacht.
Prof. Stephan Rether studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule München. 2013 war er Mitgründer des Animationsstudios und gleichnamigen YouTube-Kanals „Kurzgesagt“ mit Schwerpunkt auf Wissenschaftskommunikation und ist bis heute an ausgewählten Produktionen beteiligt. Zum Wintersemester 2023/24 wurde er an die Fakultät für Design berufen. Im Rahmen seiner Innovationsprofessur initiiert und entwickelt er praxisnahe Innovationsprojekte an der Schnittstelle von Lehre und Zeitbasierten Medien. Außerdem lehrt er Grundlagen Zeitbasierter Medien und Animation und betreut Projekte mit Schwerpunkt auf der Konzeption und Produktion wissensvermittelnder Inhalte und Formate.